Borderline Störung: Tills Geschichte

Borderline: Till geht nicht mehr in den Kindergarten

Mein Sohn ist ein Schreikind. Ich weiß gar nicht, wie oft er mich damit an den Rand meiner Kräfte gebracht hat. Wenn ich meine Mutter fragte, sagte sie nur: „Lass den schreien, der beruhigt sich auch wieder.“ 

Mein Sohn nicht. Manchmal viele Stunden lang. Damit hatte ich immer meine Probleme. Er ist so schwierig. Als alleinerziehende und berufstätige Mutter hat man es ja sowieso schon nicht einfach, aber irgendwie muss ich uns ja durchbringen.

Von seinem Vater habe ich mich schon vor seiner Geburt getrennt. Er wollte den Kleinen nicht und wollte mich dazu bringen, ihn abtreiben zu lassen. Irgendwann hat er mich einfach rausgeworfen. Das war nach einem besonders heftigen Streit.  

Da stand ich nun mit meinem dicken Bauch und musste meine Mutter bitten, dass ich bei ihr einziehen kann. Das war alles andere als einfach. Dass es dann noch viel schlimmer kommen würde, das hätte ich mir in meinen schlimmsten Träumen nicht vorstellen können.

Als die Kindergartenzeit begann, riefen mich die Erzieherinnen an. Ich sollte mit Till zum Therapeuten gehen, er wäre aggressiv gegen die anderen Kinder. Ein Autoritätsproblem hätte er und würde sich nicht in die Gruppe integrieren. „Der findet schon Freunde“, antwortete ich. „Geben Sie ihm einfach noch ein bisschen Zeit.“ 

Es wurde immer schlimmer. Da gab es Torben. Ein netter Junge, aber nach drei Wochen hat ihm Till ein Auto an den Kopf geworfen. Dann haben seine Eltern ihm verboten, mit Till zu spielen.

Dann gab es Julie. Die war auch sehr süß. Die Kleine hatte eine Geduld mit meinem Sohn, das war erstaunlich. Ich mochte sie wirklich. Doch dann kam Till vom Kindergarten und sagte, dass Julie doof wäre. 

Er geht jetzt nicht mehr in den Kindergarten, hat er mir auch noch an den Kopf geworfen. Das war der absolute Schock für mich. Was sollte ich jetzt machen? Einige Tage lang versuchte ich ihn wie gewohnt zum Kindergarten zu bringen, doch keine Chance. Tobsuchtsanfälle, Tränen und am Ende schlug und trat er mich. 

Meine Nachbarin und Freundin war es, die das Theater mitbekam und mir einen Therapeuten empfahl, der ihr selbst geholfen hatte. „Ich habe eine Persönlichkeitsstörung“, sagte sie. „Die Borderline Persönlichkeitsstörung.“ Sie? Das konnte ich mir gar nicht vorstellen. Sie war doch immer so nett und gut gelaunt? Überhaupt, was heißt denn Borderline Persönlichkeitsstörung? Mein Till ist doch nicht verrückt? 

Ein paar Tage versuchte ich es noch, meinen Sohn zur Kita zu bringen – erfolglos. Er blieb ab jetzt bei meiner Mutter. 

Dann nahm ich tatsächlich das Handy in die Hand und rief in der Praxis an, um einen Termin auszumachen. Die Wartezeit bis zur Psychotherapie machte mich fertig. Was passiert mit meinem kleinen Jungen? Was für Störungen soll er haben? BPS, eine Borderline-Persönlichkeits-Störung? Muss er leiden? Ist Borderline eine Erkrankung? Was hat diese Borderline-Störung mit den starken Emotionen meines Kleinen zu tun?

Ich klingelte bei meiner Nachbarin, um von ihr mehr zu erfahren, und endlich kam Licht in die Sache. 

Sie erklärte mir, dass Betroffenen wie ihr geholfen werden kann, mit ihren starken und leider auch sehr schnellen Gefühlsausbrüchen umzugehen. Mit einer Psychotherapie und wertvollen Achtsamkeitsübungen hat sie es geschafft, ein positiveres Selbstbild zu entwickeln. Sie dachte immer, sie sei nicht in Ordnung, so wie sie ist. Weil sie doch so anders war. So wenig liebenswert. 

Früher oder später würden das alle Menschen um sie herum merken und dann würden sie sich eh von ihr abwenden, da war sie sich immer sicher gewesen. Besser gar keine Freundschaften aufbauen, dann wird man auch nicht enttäuscht.

Heute hat sie gelernt, solche Denkmuster zu durchbrechen. Sie kann erkennen, wann und ob ein Gedanke nur in ihr existiert und ob sie ihn nur auf Andere projiziert. Sie hat erfahren dürfen, dass es Menschen gibt, die sie so akzeptieren, wie sie ist. Das Allerwichtigste für sie war aber, dass sie gelernt hat, sich selbst so anzunehmen, wie sie ist. In all ihren Ebenen. Ihre Gefühle, Ihre Ängste, Ihre Schwächen. Symptome? Für sie nicht mehr. Sie lebt heute ein erfülltes, zufriedenes Leben.

Ich sollte beginnen, ihn ernst zu nehmen. Seine Emotionen ernst zu nehmen. Ihm das Gefühl vermitteln, dass ich ihn so annehme und liebe, wie er ist. Bedingungslos, also ohne Bedingungen an ihn zu stellen. Es geht also nicht darum, zu sagen: „Wenn du zum Therapeuten gehst und Erfolg mit der Therapie hast, werde ich dich lieb haben.“ Es geht vielmehr darum, ihm die Liebe auch in den Momenten zu zeigen, in denen er nicht so ist, wie ich ihn mir vielleicht wünschen würde.

Dass solche Aussagen mich unendlich bewegt haben, können Sie sich sicherlich vorstellen. Die Hoffnung, mein Kind nicht mehr leiden sehen zu müssen, einen völlig neuen Zugang zu ihm bekommen zu können, das war mein Traum.

Dieser Traum wurde war. Für Till, für mich und für alle anderen Menschen, die wir diesen jungen Mann lieben. 

Es war ein Weg, der nicht immer einfach war. Es war ein Weg, der dauerte und auch heute noch, Till ist inzwischen 16 Jahre alt, andauert. Doch er hat sich gelohnt. Er hat gelernt, dass er nicht seine Emotionen ist. Er schreibt schon lange ein Tagebuch. Er sagt, es hilft ihm, sich selbst zu verstehen. Es zeigt ihm in schweren Momenten aber auch, wie weit er schon gekommen ist. Seiner Freundin hat er es zum Lesen gegeben. Damit sie ihn besser versteht. „Damit sie weiß, worauf sie sich einlässt“, hat er dazu gesagt. Sie ist bei ihm geblieben.

Emotionen spielen immer noch eine sehr große Rolle in Tills leben. Doch heute ist er kein Opfer dieser Emotionen mehr. Und auch seine Mitmenschen nicht. 

Ulrike Meiers

Ihre Gastautorin:

Hi, ich bin Ulrike Meiers. Ich bin 38 Jahre alt, geboren in Hamburg freiberufliche Autorin und alleinerziehende Mutter von Till. Seit ich von Tills Persönlichkeitsstörung weiß versuche ich durch meine Leidenschaft und Beruf die Leute über BPS aufzuklären. Ich möchte meine Erfahrungen teilen, damit andere Eltern Symptome frühzeitig erkennen können und sich nicht schämen Hilfe aufzusuchen.


Typische Fragen zum Thema Achtsamkeit

Wir haben typische Fragen, die uns oft erreichen, zusammen getragen. Wenn Ihre Frage noch nicht dabei ist, dann freuen wir uns auf einen Kontakt.

Was hat Achtsamkeit mit Borderline zu tun?

Ein zentraler Teil der BPS sind die Emotionen und Emotionen-Kontrolle. Achtsamkeit hilft Borderline Patienten dabei ihre Emotionen urteilslos wahrzunehmen und den oft so dringenden Abstand zu ihnen zu gewinnen. Achtsamkeit ist daher ein wichtiger und fester Bestandteil der Dialektisch-Behavioralen-Therapie, eine Therapieform spezifisch für Borderline Patienten.

Wo wird DBT angeboten?

DBT wird von einigen großen Psychiatrischen Kliniken angeboten sowie von spezialisierten niedergelassenen Ärzten. Wie bei den meisten Therapieformen ist es auch bei DBT wichtig einen Therapeuten in seiner Nähe zu finden. Generell empfehlen wir gerne die LVR Kliniken mit Standorten in Bonn, Köln, Langenfeld, Mönchengladbach, Bedburg-Hau, Essen, Viersen, Düsseldorf und Düren, sowie die Charité in Berlin.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit (oder in Englisch: Mindfulness) heißt, seine Emotionen, Handlungen, Gedanken und Physis bewusst wahrzunehmen und jeden Gedanken mit offenen Armen zu begrüßen. Es heißt nicht, Tagträumen nachzuhängen oder sich Sorgen über die Zukunft zu machen, sondern aktiv im Hier und Jetzt zu sein.

Was ist innere Achtsamkeit?

Die innere Achtsamkeit ist ein wichtiger Teil von DBT (der dialektisch-behavioralen Therapie), welche zumeist bei Borderline Erkrankungen eingesetzt wird. In diesem Modul lernt der Patient sich selbst zu spüren und wahrzunehmen. Der Patient soll sich in Situationen sicher fühlen können, ohne diese zu bewerten oder sich selbst klein zu machen. Der Betroffene findet dadurch einen besseren Abstand zu der Situation.

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